Johannes Peters über Jean-Nicolas Gèrard
Aus: Keramik Magazin 22(2000) Nr.4, S.36 - 39
"....Jean-Nicolas wurde 1954 in Brazzaville (Kongo) geboren, kam sieben Jahren, Halbwaise geworden, nach Südfrankreich zurück und lebte von da an immer dort, im Süden. Ohne durch besondere Begabung oder Affinität auf sich aufmerksam gemacht zu haben, fing er um 1975 an, sich in der Ècole des Beaux-Arts von Aix-en-Provence mit Stoffeweben zu beschäftigen. Ein Jahr später begegnete er seiner Lehrerpersönlichkeit. Dieser Mann, Jean Biagini, muss durch sein ständige Präsenz der Wahrnehmung beim Arbeiten beeindruckt haben, als er, Keramiker, nach Aufenthalten in Japan und USA mit Feuer im mehrfachen Sinn, Demonstrationen vor jungen Studenten abhielt. Jean-Nicolas schrieb sich sofort als freier Hörer bei ihm ein und blieb eineinhalb Jahre in dieser Klasse. Sein Lehrer, wenn auch wenig physisch anwesend, ließ seine Schüler nicht müßig werden, und alle arbeiteten dort intensiv, auf der Suche, mit dem Gefühl: Alles ist möglich! - Suche das Eigene!
1978, nach eineinhalb Jahren schon, waren drei von ihnen mutig genug, in Lorgues in der Provence eine eigene Werkstatt mit einem Steinzeugholzofen zu eröffnen: PhilippeCapron, Pierre Deltombe und Jean-Nicolas Gérard. Dann zwei Jahre Arbeit, als Stipendiat gefördert, mit Paul Salmona und Claire Bogino (in Frankreich seinerzeit nahmhafte Vertreter der Irdenware). 1980 kam Jean-Nicolas wieder nach Lorgues und baute einen neuen eigenen Holzofen für terre vernissée. Für diesen französischen Begriff (ganz frei: "Erde mit Überzug") gibt es keine direkte Übersetzung, auf Deutsch sagt man Schlickermalerei. Die Freiheit, die diese Materie ihrem Benutzer in technischen Dingen lässt, muss Jean-Nicolas Gérard sehr angesprochen haben, liebt er doch viel mehr das Spiel mit dem Beweglichen, den Nuancen, als mit Formeln und Glasurplättchen, und er kann sich da direkt mit seinem tiefen Bedürfnis nach Handgriffen und kraftvollen Formen an den Ton wenden.
Mit sich bildender Familie muss sich Jean-Nicolas auch mehr um sein Einkommen sorgen, und er, der vorher nur das einzelne, das besondere Stück verfolgte, beginnt Geschirr in kleiner Serie zu machen. Dieses Geschirr drängt sich bald in den Vordergrund, ist unkonventionell, doch sehr beliebt, und leitet eine andere Ära im Töpferleben ein, bis er es sich Ende der 80er Jahre wieder mehr leisten kann, einzelne und auch sehr große Gefäße zu machen. Heute meint er dazu: "Diese Arbeit (der Serie) muss sein, sie brachte und bringt Fortschritt, viel Arbeit ist wichtig für mich, aber Vorsicht: Arbeit kann genauso gut Fluch sein, doch auf Dauer und wenn man sie bewusst leistet, lernt man ungeheuer in der Auseinandersetzung. Das Unangenehme, der Zwang, das, was man als gegen sich empfindet, bringt mich weiter."
Inzwischen ist die Werkstatt noch zweimal umgezogen nach Valensole. Nicolas brennt seit 1984 mit Gas. Er benutzt das Verfahren den Scherben zu reduzieren und wenn die Glasurschmelze eintritt, zu reoxidieren. Der teilweise schon glasurbedeckte Scherben bleibt hier reduziert, der Rest wird wieder warmtonig. Insgesamt haben die Farben von Nicolas (im Großen und Ganzen Hellgelb, Grün, Blau, Dunkelgelb, Braun und Tonraurot) mit dem schimmernden Licht der Bleiglasur und durch die Sensibilität, mit der sie aus den kräftigen, mit Lust gedrehten Formen hervorleuchten, dadurch ein reiches Spiel und eine sehr liebevolle Ausstrahlung. Nicolas' Töpfe an sich zu beschreiben, erklärend auf den Punkt zu bringen, fällt mir schwer. Was ist dabei? Sein "Handwerkszeug", die verwendeten technischen Details und Kniffe, die Elemente - der Topf, gedreht, etwas verformt, Spuren der Drehschiene und der Hände, die Engoben, das Malhörnchen und der Pinsel, zufällige Spritzer, Fingerpunkte, das Ritzen, deutliche oder kleine Spuren, die "Motive", der Brand - sind alle nicht das Essentielle. Mehr schon das Spiel in der Anwendung dieser Dinge..."
|